Borreliose-Gesellschaft e.V.

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Neuromuskuläre Manifestationen der Borrelia burgdorferi-Infektionen

Prof. Dr. med. Carl D. Reimers, Klinik für Neurologie, Zentralklinik Bad Berka GmbH

Neuromuskuläre Manifestationen der Borrelia burgdorferi-Infektionen sind schon seit dem Jahre 1922 bekannt, als Garin und Bujadoux die später u. a. nach ihnen benannte Meningopolyneuritis in sehr eindrücklicher Form beschrieben, freilich ohne damals bereits die Ursache zu kennen. Ein Erreger wurde damals jedoch, anders als von A. Bannwarth, vermutet. Diese charakteristische Erkrankung, die sich bekanntlich häufig durch eine, oft beiderseitige, Fazialisparese, heftige, nächtlich betonte Schmerzen, asymmetrische, motorisch betonte radikuläre und/oder (poly-)neuropathische Ausfälle und eine lymphomonozytäre Pleozytose äußert, ist nach eigenen Erfahrungen in der Klinik in den letzten Jahren seltener geworden, vielleicht deshalb, weil das häufig vorhergehende Erythema migrans (Stadium I) gut bekannt ist und frühzeitig behandelt wird, so dass es nicht mehr zum Stadium II kommt. Isolierte Hirnnervenläsionen im Sinne einer Neuritis cranialis kommen vor, besonders bei Kindern als isolierte Fazialisparese. Alle´anderen Hirnnerven sind sehr viel seltener betroffen. Auch akute (parainfektiöse) Polyneuritiden vom Verlaufstyp eines Guillain-Barré-Syndroms wurden beschrieben. Chronische sensible,schmerzhafte oder motorische Neuropathien sind selten und können auch mit unauffälligem Liquorbefund einhergehen, sie weisen aber hohe Antikörpertiter auf. Auf eine Häufung von Karpaltunnelsyndromen bei Borrelien-Infektionen wurde hingeweisen. Diese Diagnosen ohne weitere Borrelia burgdorferi-Manifestationen sind z. T. nur per exclusionem zu stellen.

Daneben ist heutzutage eine Vielzahl von weiteren neuromuskulären Manifestationen beschrieben worden, viele davon sehr selten auftretend. Dazu zählen insbesondere die Myositiden, die meist nur fokal auftreten und daher kaum mit einer Dermato- oder Polymyositis verwechselt werden können. Fasziitiden sind Raritäten.
Die genannten Krankheitsbilder lassen sich antibiotisch sehr gut behandeln und besitzen vielfach, wie man aus der Ära vor Entdeckung des Erregers und Einführung der antibiotischen Behandlung weiß, eine meist gute Prognose.

Der Klinikalltag wird heute dominiert durch die Frage einer „chronischen Neuro-Borreliose“ oder des Post-Lyme-Syndroms. Es handelt sich dabei hierbei vielfach um fibromyalgische Syndrome. Die Crux ist die sehr schwierige Abgrenzung anhaltender somatoformer Schmerzstörungen und anderer psychosomatischer Syndrome bei akzidentell vorliegenden IgG-Antikörper-Titern („Seronarbe“) nach latent oder manifest durchgemachter Infektion. Da eine antibiotische Behandlung nicht wirksam ist, sollte man die entsprechenden Patienten mindestens vor unnötigen und potenziell nebenwirkungsbehafteten Antibiotika-Therapie schützen und die einzig effektive symptomatische, ggf. auch psychotherapeutische Behandlung baldmöglichst einleiten, um zumindest eine iatrogene Fixierung zu verhindern.